„Hamburg bewegt Kids“: Wie ein Projekt gegen den Bewegungsmangel bei Kindern vorgehen will 

Jana erzählt wieso es keine Selbstverständlichkeit ist, dass Kinder im Verein Sport machen

Jana war schon immer sportbegeistert. Bereits früh wusste sie daher, dass sie gerne Sport studieren möchte. Dabei begeisterte sie vor allem der Bereich der Sportsoziologie und die Frage, welchen gesellschaftlichen Wert der Sport hat. Nach verschiedenen Stationen im Sport arbeitet sie zurzeit als Projektkoordinatorin bei „Hamburg bewegt Kids“. Das Ziel der Initiative: Kinder wieder mehr für den Sport zu begeistern. 

Hallo Jana, du arbeitest für das Projekt „Hamburg bewegt Kids“. Wieso braucht es solch ein Programm? 

Das Thema „Kinder und Bewegung“ ist ein sehr komplexes. Man kann nicht einfach sagen: Hier ist ein Verein und die Kinder gehen alle dort hin. Gleichzeitig kann man aber auch nicht sagen, dass ist DER Grund, wieso Kinder keinen Sport treiben. 

Gibt es trotzdem Gründe, die ihr analysiert habt? 

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren. Ein Grund ist zum Beispiel der generelle gesellschaftliche Wandel. Kinder und Jugendliche treiben heute anders Sport, als es früher der Fall war. Es gibt viel mehr Optionen und man will flexibler Sport treiben. Dieses starre „dann und dann ist Training und am Wochenende noch Wettkämpfe“ fällt vielen immer schwerer, entweder, weil es nicht gewünscht ist oder aber, weil es nicht mit der aktuellen Lebenssituation vereinbar ist. Auch der Ganztag frisst viel Zeit und lässt den Kindern weniger Raum für Sportangebote am Nachmittag / Abend. Wir haben zudem gemerkt, dass es auch im Sport soziale Ungleichheit gibt und dass manche Kinder kaum Berührungspunkte zum Vereinssport haben. Manche Kinder haben z.B. keine Eltern, die früher selbst im Verein aktiv waren. Für sie ist der Zugang zum Verein viel schwieriger. Als Verein oder in unserem Fall Initiative muss man daher aktiv auf die Kinder und Jugendliche zugehen und sie für den Sport begeistern. Es ist nicht so selbstverständlich, wie man oft denkt. 

Habt ihr denn Einblicke, wie viele Vereine in den Schulen in Hamburg vertreten sind? 

Das ist relativ schwer zu sagen, weil es hier in Hamburg keine transparenten Zahlen gibt. Wir gehen jedoch davon aus, dass rund 50% der Schulen mit Vereinen zusammenarbeiten. Kein schlechter Wert, jedoch bedeutet er auch, dass immerhin noch die Hälfte der Schulen solche Angebote nicht haben. Außerdem sagt die Zahl nichts darüber aus, wie oft z.B. die Angebote stattfinden, welche Sportangebote es gibt und wie die Qualität ist. 

Und ihr füllt diese Lücke? 

Zumindest zum Teil. Der Bedarf ist so groß, dass wir diesen alleine gar nicht decken können. Daher fokussieren wir uns zu Beginn vor allem auf dritte Klassen. Wir glauben, dass man da noch einen großen Hebel hat und relativ viel bewirken kann. Viele haben in dem Alter einfach Lust sich zu bewegen. Außerdem finden wir es wichtig, die Kinder noch vor der Pubertät für den Sport zu begeistern. 

Was macht euer Konzept sonst noch besonders?

Eigentlich ist unser Konzept ganz simpel. Unsere Ausgangsannahme ist es, dass Kinder ganz unterschiedlich sind: Sie halten sich an verschiedenen Orten auf, haben verschiedene Interessen und verschiedene soziale Ausgangsbedingungen. Gleichzeitig glauben wir aber auch, dass gerade jüngere Kinder eine intrinsische Motivation haben, sich zu bewegen. Die Frage, die sich uns dann gestellt hat: Wie können wir diese Kinder erreichen? Und da es eine Schulpflicht gibt, war die Antwort für uns schnell klar. Dort begegnen wir flächendeckend allen Kindern. Dort können wir proaktiv Sportangebote anbieten, Kinder für Bewegung und einen aktiven Lebensstil begeistern und langfristig hoffentlich auch an Vereine binden. Uns geht es nicht um Leistung, sondern wir wollen vermitteln, dass Sport Spaß macht. 

Habt ihr euch denn auf bestimmte Sportarten fokussiert oder bietet ihr ein breites Sportangebot an?

Der Ansatz ist, dass wir uns polysportiv aufstellen. Der Fokus liegt dabei zudem auf Teamsportarten, weil dort die sozialen Komponenten am stärksten gefördert werden. Die Kinder sollen aber viel ausprobieren können. Wir wollen dabei auch keine Stereotype reproduzieren, sondern Kinder bewusst ermutigen, auch mal andere Sportarten auszuprobieren. 

Wie seid ihr an die Schulen angedockt? 

Wir sprechen erstmal individuell mit den Schulen im Hamburg und fragen, wie wir sie am besten unterstützen können. Theoretisch würden wir auch in den Sportunterricht kommen. Am liebsten wäre es uns sowieso, dass es nicht wie bisher zwei Sportstunden, sondern drei, vier verpflichtend gibt. Aber der Sportunterricht ist natürlich vor allem den Lehrer*innen vorbehalten, weswegen wir eher im Ganztag aktiv sind. 

Und wie ist bisher die Resonanz der Schulen auf euer Angebot? 

Bisher sehr gut. Zu Beginn haben wir uns auf einen Stadtteil fokussiert und sind dort mit Schulen im Gespräch, die Interesse an dem Programm signalisiert haben. Wir hätten ehrlich gesagt mit größeren bürokratischen Hürden gerechnet, aber die Schulen waren dort sehr aufgeschlossen. Wir sind daher sehr optimistisch, dass das Angebot auch zukünftig gut angenommen wird. Unser großer Vorteil ist zudem, dass wir die Angebote kostenfrei anbieten können. 

Wenn eure Angebote kostenfrei sind, wie finanziert ihr euch dann? 

Wir haben einen Investor aus Hamburg, der die Startphase mit allem drum und dran finanziert. Es war sein eigener Wunsch, dass Problem des Bewegungsmangels anzugehen und er war es, der die Initiative angeschoben hat. Mittelfristig möchten wir jedoch möglichst unabhängig zu sein. Wir möchten uns zunächst von öffentlichen Geldern oder Stiftungen unabhängig machen. Langfristig freuen wir uns natürlich, wenn der Mehrwert unserer Initiative auch für diese Akteur*innen ersichtlich wird und wir finanziellen Support erhalten. Aktuell sind wir auf der Suche nach Sponsor*innen, die bereit sind, für das Projekt zu spenden. Klar, besteht da auch eine gewisse Abhängigkeit, aber trotzdem sind wir so freier als wenn wir z.B. direkt von der Stadt finanziert werden und an ihre Auflagen gebunden sind. Langfristig wäre jedoch eine Mischfinanzierung aus privaten Geldern, Förderung der Stadt und vlt. sogar von Krankenkassen erstrebenswert. 

Das klingt alles sehr ambitioniert. Wie ist euer Team aufgestellt?  

Wir sind gerade dabei, eine gGmbh zu gründen. Der Investor wird dort auch gleichzeitig der Gesellschafter sein und zudem gilt es jetzt noch die Position der Geschäftsführung zu besetzen. Dann gibt es noch meine Kollegin, die sich um die administrativen und finanziellen Belange kümmert und mich mit Verantwortung für die sportlich-inhaltlichen Aspekte und für die operative Umsetzung der Idee. Zudem haben wir im Moment noch externe Teams, die das Projekt mit anschieben. Bernhard Peters und sein Team von BPTC Sports haben von Beginn an das sportlich-inhaltliche Konzept der Initiative erarbeitet. Auch im weiteren Projektverlauf werden wir weiterhin eng zusammenarbeiten. 

In der ersten Runde wollen wir außerdem acht Kids-Coaches ausbilden, die dann in die Schulen gehen. Außerdem sind wir noch auf der Suche nach einer Projektassistenz und wollen zudem Distrikt-Manager*innen einstellen, die die Organisation und Verwaltung übernehmen. Die ganzen Rollen und Aufgaben müssen sich jedoch noch finden. Unser Ziel ist es, 70 Kids-Coaches auszubilden. 

Und alle Stellen sind bezahlt?

Ja, auf jeden Fall! Das ist uns sehr wichtig. 

Wer ist eure Zielgruppen für die Kids-Coaches? 

Theoretisch kann jede*r Kids-Coach werden. Zwar sind Sportstudierende erstmal naheliegend, aber im Prinzip kann jede Person, die die nötigen Fähigkeiten mitbringt und z.B. Spaß an der Wissensvermittlung und der Arbeit mit Kindern mitbringt, auch Kids-Coach werden. Die Person sollte eine kommunikativ-soziale Ader haben und vor allem verlässlich sein. Wir wollen den Schulen nicht zusätzliche Arbeit machen. Wir haben außerdem überlegt, Trainer*innen aus Vereinen anzusprechen, damit Vereine dadurch direkt einen Kontakt zu den Schulen haben und die Personen sich zudem was dazu verdienen können. Wir wollen so Synergieeffekte schaffen. 

Du hast gerade die Synergieeffekte angesprochen. Wie plant ihr die Zusammenarbeit mit Vereinen im Hamburg, damit diese euch nicht als Konkurrenz wahrnehmen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Uns ist es wichtig, dass wir ein additives Angebot sind und den Vereinen nicht die Kinder wegnehmen wollen. Der Plan ist es, dass die Distrikt-Manager*innen gut mit den Vereinen vernetzt sind und Kinder bei Interesse an die Vereine vermittelt werden können. Wir können auch gar nicht jede Altersstufe begleiten, sondern wollen vor allem das Interesse wecken. Wir wollen zeigen, wie Sportangebote in der Schule aussehen können und Schulen und Lehrkräfte inspirieren. Wir setzen also vor allem Impulse, die später hoffentlich von anderen fortgeführt werden. 

Können sich Vereine auch proaktiv bei euch melden? 

Auf jeden Fall! Wir sind immer am Austausch interessiert. Vereine können sich daher also gerne an uns wenden, um uns z.B. ihre Trainingszeiten und -kapazitäten mitzuteilen oder um Trainer*innen weiterzuvermitteln, die an einer Mitarbeit als Kids-Coach interessiert sind. Zudem freuen wir uns natürlich über Feedback zum Projekt und wollen die Vereine gerne kennenlernen. 

Vielen Dank fürs Interview und viel Erfolg bei der Umsetzung eures Projekts!


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