Die finanzielle Reichweite. Der vielleicht wichtigste Finanzbegriff für deinen Verein

In unserem letzten Artikel haben wir 6 ungewöhnlichen Finanz-Ziele für deinen Verein vorgestellt. Eines dieser Finanz-Ziele ist: „Nachts ruhig schlafen können.“

Kein Geld auf dem Konto zu haben und kurz vor der Pleite zu stehen führt sehr wahrscheinlich zu weniger Schlaf.

Viele Vereine und ihre Vorstände durchleben mit der Corona-Pandemie in diesem Moment eine solche Krise. Der DOSB rechnet mit einem Mitgliederschwund von bis zu 3 Millionen Menschen bis 2021 – innerhalb eines Jahres. Einnahmen aus Turnieren und Spielbetrieb sind von jetzt auf gleich bei vielen Vereinen auf 0 gesunken.

Aber neben Corona gibt es noch zahlreiche Situationen, die deinen Verein in eine Krise stürzen können. Vielleicht kommt eine Abteilung nicht mit dem Trainer klar und wandert komplett zum Nachbarverein. Euer Großsponsor, der bisher alles bezahlt hat, springt von heute auf morgen ab. Oder Fördergelder, mit denen ihr gerechnet habt, werden doch nicht zugesagt. Es gibt unzählige Situationen, die euch finanziell kurzfristig in große Schwierigkeiten bringen können.

Für diese Fälle gibt es eine Lösung: die finanzielle Reichweite.

Was ist die finanzielle Reichweite?

Stefan Merath ist Unternehmensberater und hat selbst mehrere Unternehmen gegründet und geführt. In einem E-Book erklärt er das Prinzip der „finanziellen Reichweite“, den aus seiner Sicht „wichtigsten Finanzbegriff, den man kennen sollte“.

Die finanzielle Reichweite ist eine Kennzahl und zeigt dir:
Wie viele Monate überlebst du, wenn alle deine Einnahmen auf 0 sinken? (Dank Corona hinterfragt jetzt auch niemand mehr, ob das wirklich passieren kann…)

Seine Vorgabe:

  • Alles unter 3 Monate ist Alarmstufe Rot
  • von 3 bis 6 Monaten ist Gelb
  • idealerweise hat eine Organisation aber mehr als 6 Monate Überbrückungsgeld


Soll heißen: Im Idealfall hat dein Verein soviel Geld zurückgelegt, dass er im Krisenfall 6 Monate überleben kann, ohne dass ein Cent auf der Einnahmen-Seite auftaucht.

Bekannt vorkommen könnte dir das aus deinen eigenen Finanzen. Bei Privatpersonen spricht man klassisch von 3 Netto-Monatsgehältern, die dir im Falle eines Jobverlusts helfen, etwas Neues zu finden. Das Prinzip ist das Gleiche, nur eben für Organisationen.

Wie hoch ist die finanzielle Reichweite deines Vereins?

Um herauszufinden, wie hoch deine finanzielle Reichweite ist, nimmst du laut Stefan Merath alle deine verfügbaren Zahlungsmittel (also zum Beispiel das Geld auf deinem Konto) und teilst diese durch die fixen Kosten, die dir jeden Monat entstehen (z.B. Trainer*innen-Gehälter, Versicherungen, Miete, Lizenzgebühren).

Tipp: Fixe und variable Kosten, ist dir alles zu kompliziert? Keine Lust dich einzulesen? Dann nimm aus Gründen der Einfachheit den Schnitt aller Ausgaben, die dir monatlich entstehen.

Hier ein vereinfachtes Rechenbeispiel:

  • Du hast 10.000€ auf dem Konto.
  • Du gibst jeden Monat rund 5.000€ aus.
  • Bedeutet: dein Verein überlebt Stand heute 2 Monate, wenn alle Einnahmen auf 0 sinken.

Wenn diese Zahl bei 0-3 ist, ist laut Stefan Merath Zeit zu handeln. Jetzt.

Wie baue ich eine finanzielle Reichweite auf?

Finanz-Mogul Warren Buffet hat hier einen entscheidenden Tipp:


„Don’t save what’s left after spending. Spend what’s left after saving.“

Warren Buffet

Egal, wie viel Geld du einnimmst – selbst wenn es nur 1.000€ im Monat sind -, es wird ein Teil davon für harte Zeiten zurückgelegt. Und zwar so, dass du keinen Zugriff darauf hast.

Der Fokus liegt hier auf „Teil“ des vorhandenen Geldes. Beim oben genannten Rechenbeispiel hättest du Stand heute eigentlich kein Geld mehr zur Verfügung. Denn abzüglich der finanzielle Reichweite für 6 Monate wärst du jetzt bereits im Minus. Und das, obwohl du doch offensichtlich Geld auf dem Konto hast.

Deswegen kann es hilfreich sein, das Geld nicht auf einmal zurückzulegen, sondern eine finanzielle Reichweite über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufzubauen. Ausnahme: Ihr wisst gerade nicht, wohin mit dem Geld. Dann steht es euch natürlich frei, gleich die gesammte Summe zu blocken.

Hier ist beispielsweise eine Planung für den Aufbau einer finanziellen Reichweite von 6 Monaten in einem Zeitrahmen von 5 Jahren.

• Kosten pro Monat: 5.000 EUR
• 6 Monate überleben: 30.000 EUR
• Verteilt auf 5 Jahre: = 6.000 EUR pro Jahr = 500 EUR pro Monat

Je länger du für den Aufbau einplanst, desto risikoreicher ist es für deinen Verein. Denn so lange kann immer etwas passieren, was deinen Verein ins Wanken bringt.

Achtung: Das notwendige Guthaben für eine finanzielle Reichweite von 6 Monaten wächst mit deinen Ausgaben.

Stellst du neue Trainerinnen oder eine Vereinsmanagerin ein, dann steigen logischerweise auch deine monatlichen Kosten. Deine finanzielle Reichweite muss dann mitwachsen. Helfen kann deshalb, sich einmal im halben Jahr anzuschauen, ob die Einzahlungen in die Rücklage überhaupt noch aktuell sind oder nach oben angepasst werden müssen. Diese Aufgabe kann im Zuge der Vorbereitung einer Mitgliederversammlung oder auch über den*die Finanzwart*in passieren.

Was bringt es, eine finanzielle Reichweite aufzubauen?

  • Du hast mehr Sicherheit, um auch mal risikoreichere Entscheidungen zu treffen (wenn sich Menschen sicher fühlen, treffen sie mutigere Entscheidungen)
  • Deine Trainer*innen fühlen sich sicher, weil sie in Krisenzeiten nicht sofort um ihren Job bangen müssen.
  • Du bist unabhängiger von Banken und anderen fremden Geldgeberinnen, denn mit der finanziellen Reichweite bist du deine eigene Bank, die du schnell anzapfen kannst.
  • Du hast genug Überbrückungsgeld, um in Krisenzeiten verschiedene Optionen auszuprobieren und machst dich nicht abhängig von der Zustimmung von Fördergeldgebern oder Banken.
  • Aber am Wichtigsten: Du kannst auch in Krisenzeiten Ruhe bewahren und nachts ruhig schlafen.

Wo taucht die Finanzielle Reichweite überall auf?

In deiner jährlichen Budgetplanung:

Die Rücklage muss mitfinanziert werden, z.B. durch die Mitgliedsbeiträge. Ein Grund, wieso 8 Euro Mitgliedsbeitrag im Monat häufig nicht ausreichen, um einen Verein stabil finanzieren zu können.

Du kannst die Einzahlungen auf das Unterkonto „Rücklagen für Betriebsmittel (Finanzielle Reichweite)“ eintragen. Laut unserem Beispiel waren dies 6.000 EUR.

Solltest du einen Überschuss machen, dann kannst du auch mehr in die Rücklage einplanen.

So könnte beispielsweise deine Budgetplanung dann aussehen:

In deiner Liquiditätsplanung:

Analog zur Budgetplanung kannst du die monatlichen Zahlungen auch in der Liquiditätsplanung eintragen. So fließt jeden Monat 500€ in die „Rücklage Betriebsmittel“.

(P.S. Auf die Liquiditätsplanung werden wir in einem späteren Artikel nochmal stärker eingehen.)

In deiner Bankkonten-Struktur:

Das Geld der finanziellen Reichtweite ist geblockt und steht damit nicht zur freien Verfügung. Im Idealfall hast du deshalb hierfür ein extra Konto, auf dem sich das Geld befindet. Wenn du z.B. als Abteilung kein Zugriff auf das Konto hast oder kein zweites Konto eröffnen kannst/willst, dann kannst du auch mit einer Excel-Liste arbeiten. Hierfür werden wir noch einen ausführlicheren Artikel erstellen.

Weitere häufige Fragen:

Wieso gleich 6 Monate oder länger?

Wer aktuell Rettungsschirme beantragt weiß: Geld beantragen heißt nicht gleich Geld bekommen. Kredite beantragen, eine Crowdfunding-Kampagne durchführen oder dich von Verträgen mit Kündigungsfristen von mehreren Monaten lösen. Eine finanzielle Reichweite gibt dir 6 Monate Zeit, alle diese Dinge anzugehen und sogar einen Fehlversuch zu machen. Für einen kleinen Verein mit wenigen fixen Kosten können aber auch

Wann gehe ich an das Geld ran?

Das einzige Ziel ist es, das Überleben in einer finanziellen Krise zu sichern. Es wird deshalb nur verwendet, wenn

  • deine zur verfügungstehenden Mittel ausgehen, dein Konto also eine Talfahrt gen Null macht
  • und gleichzeitig auch keine Einnahmen mehr erzielt werden.

Nur dann wird auf das zurückgelegte Geld zurückgegriffen. Ansonsten wird das Geld nicht angerührt. Deswegen liegt das Geld im besten Fall auch auf einem extra Konto, sodass es aus dem Blickfeld ist.

Der Krisenfall ist eingetreten. Was tue ich jetzt?

Du bist in einer finanzielle Krise und das Geld auf deinem Bank-Konto geht gen Null. Du hast nun 6 Monate Zeit, dich zu fragen, woran es liegt und neue Erlösquellen zu erschließen (z.B. eine Crowdfunding-Kampagne zu starten, Kredite bei einer Bank oder bei deinen Mitgliedern anzufragen, oder sogar den Mitgliedsbeitrag nach oben anzupassen).

Wichtig: Hast du den Engpass überwunden, solltest du – wie bei einem Kredit – das Geld später wieder dem Rücklagen-Konto hinzufügen.

Wann soll ich mit dem Aufbau einer finanziellen Reichweite anfangen?

Gestern. Wenn du größere finanzielle Speicher hast, leg alles in einem Rutsch zurück. Ansonsten lege dir einen 5-Jahres-Plan zurecht, bis du das notwendige Guthaben aufgebaut hast.

Wie ist das mit der Gemeinnützigkeit vereinbar? Ich muss das Geld ja ausgeben.

Die Pflicht, Mittel zeitnah zu verwenden, wird für kleine Körperschaften abgeschafft (§55 Abs. 1 Nr. 5 Satz 4 AO), wenn die Jahreseinnahmen nicht mehr als 45.000 Euro betragen.

Rücklagen für Betriebsmittel dürfen zudem zurückgelegt werden. Im Zweifel kannst du auch mit dem Finanzamt sprechen und erklären, wofür das Geld auch längerfristig zurückgelegt wird.

Mehr Infos dazu findest du hier.

Soviel Geld einfach so rumliegen lassen?

Es ist bei Privatpersonen der Normalfall, drei Netto-Monatsgehälter auf dem Konto vorrätig zu haben, es ist bei Unternehmen der Normalfall. Wieso sollte es bei Vereinen nicht der Normalfall sein?

Zusammenfassung und Fazit:

Der Aufbau einer finanziellen Reichweite hilft dir, Krisen gelassen angehen zu könnenn.

Rechne hierfür den notwendigen Betrag aus, um 6 Monate überleben zu können, und zahle den dafür notwendigen Beitrag monatlich in ein Rücklagen-Konto ein.

Mögliche Aufgaben, die sich hieraus für dich als Finanzwart*in ergeben:

  • Eine Entscheidung im Vorstand hierzu treffen und in der nächsten Mitgliederversammlung von den Mitgliedern über die Budgetplanung absegnen lassen.
  • Notwendiges Kapital für 6 Monate finanzielle Reichweite ausrechnen.
  • Finanzielle Reichweite in den Budgetplan einfügen (jährliche Summe).
  • Finanzielle Reichweite in die Liquiditätsplanung einfügen (monatliche Einzahlung).
  • Neues Bankkonto eröffnen oder optional ein weiteres Konto virtuell in Excel in die Liquiditätsplanung einfügen.
  • Nachts ruhig schlafen und sicher sein, dass man für die nächste Krise gut gewappnet ist.

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