TSV Berkheim: Von Hewlett-Packard zur Geschäftsstellenleiterin bei ihrem Herzensverein

Beitragsbild Gabi Hauke-Ziehfreund

Nach der Schule machte Gabi Hauke-Ziehfreund ein duales Betriebswirtsschafts-Studium bei Hewlett-Packard und arbeitete dort mehr als 20 Jahre als Projektmanagerin im internationalen Bereich. Doch nach der Babypause entschied die sie sich, nicht mehr zum internationalen Großkonzern zurückzukehren, sondern eine neue Herausforderung anzutreten. Sie wurde hauptamtliche Geschäftsstellenleiterin bei ihrem lokalen Sportverein, dem TSV Berkheim.  

Hallo Gabi, wie ist deine Bindung zum TSV Berkheim? 

Sowohl mein Mann als auch ich sind in Berkheim aufgewachsen und sind seitdem wir laufen können Vereinsmitglieder. Schon als Jugendliche habe ich aktiv in der Vereinsarbeit mitgewirkt. Mit 13 Jahren war ich zum Beispiel Jugendsprecherin von der Turnabteilung sowie in der Jugendleitung und als Übungsleiterin aktiv. Mit Anfang 20 habe ich eine Step-Aerobic-Gruppe dort gegründet und diese geleitet und habe danach auch die Tanzabteilung aufgebaut. Mittlerweile haben wir fünf Tanzgruppen mit über 100 Kindern. Ich war dem Verein immer sehr verbunden und habe auch neben meinem Job immer als Übungsleiterin für eine Pauschale gearbeitet. Selbst während meiner Babypause, die ich bei Hewlett-Packard eingelegt habe, war ich als Übungsleiterin weitergearbeitet und mein Engagement dort sogar verstärkt und weitere Gruppen geleitet. 

Wie kam es dazu, dass du deinen Job bei Hewlett-Packard gekündigt hast? 

Ich mochte meine Arbeit dort. Aber international zu arbeiten, vor allem mit vielen amerikanischen Kund*innen, war nur schwer mit der Familie zu vereinbaren. Zum Beispiel fanden viele der Meetings zu unglücklichen Zeiten stattfanden. Dann kam die Gelegenheit beim TSV Berkheim zu arbeiten und ich war sofort begeistert. Unsere frühere Geschäftsstellenleiterin hat geplant, in den Ruhestand zu gehen und da hab ich gleich signalisiert, dass ich vorstellen könnte, ihre Stelle zu übernehmen. 

Du hast bereits mit 13 angefangen beim TSV Berkheim zu arbeiten. Hast du früher schonmal daran gedacht, im Verein zu arbeiten? 

Als kleiner Zwerg dachte ich: Wenn ich groß bin, werde ich mal Turnlehrerin. Aber wir wurde dann relativ schnell klar, dass ich kein Sport studieren möchte. Ich bin zwar sehr gerne Übungsleiterin, aber 40 Stunden die Woche wollte ich das nicht machen, sondern lieber in Richtung Büroarbeit gehen. Mit Anfang 20 war das noch kein Thema und eine große Firma wie HP bringt ja durchaus eine gewisse Attraktivität mit. 

Interessant, dass du das so sagst. Uns ist auch aufgefallen, dass junge Menschen gerne für Start-Ups arbeiten für wenig bis gar kein Geld, aber die Vereinsarbeit für sie oft unattraktiv ist, obwohl einige Tätigkeiten durchaus ähnlich sind. 

Als ich 1995 Abitur gemacht habe, war das Bild von vielen – übergespitzt gesagt – dass in den Vereins-Geschäftsstellen eher Mamis sitzen, die nicht so viel an Fähigkeiten mitbringen müssen. Dabei sind die Aufgaben super vielfältig und in den letzten Jahren hat sich da auch nochmal viel getan. Ich kann zum Beispiel auch sehr kreativ arbeiten, u.a. was die Homepage und Digitalisierung angeht und kann sehr viele Ideen einbringen. Auch das Thema Mitgliederpflege hat sich sehr verändert. Ich kann außerdem neue Ideen und Konzepte entwickeln, u.a. in Zusammenarbeit mit den Übungsleiter*innen. Aber ich stimme dir zu: Das Bild, dass ich nur ein paar Anfrage beantworte, ist immer noch da. Dabei ist es für Vereine definitiv ein Gewinn, Personen hauptamtlich anzustellen, die eine gute Ausbildung haben, wie zum Beispiel einen kaufmännischen oder Sportmanagement-Background. 

Hattest du als Quereinsteigerin keine Angst, die Stelle zu übernehmen? 

Da hatte ich Riesenglück. In der Zeit meiner Babypause als ich so viele Kurse übernommen habe, brauchte die Geschäftsstelle dringend Unterstützung, weil wir insgesamt so viele Kurse hatten. Da kam bereits die Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, die Betreuung des Kursprogramms zu übernehmen. Dadurch konnte ich die Geschäftsstellentätigkeit bereits kennenlernen. Als dann klar war, dass es einen Wechsel in der Geschäftsstelle geben wird, hatten wir ein Übergangsjahr, in dem ich eingearbeitet werden konnte. Ein Luxus, den es in vielen anderen Jobs so nicht gibt. 

Du hast bereits einiges angedeutet: Was sind deine konkreten Aufgaben?

Ich mache natürlich viele klassische Vereinsaufgaben wie Verbandsmeldungen, Mitgliederpflege, Unterstützung des Vorstands, Planung von Seniorenausflügen und Veranstaltungen sowie Beantragung von Zuschüssen. Auch Mitglieder oder Übungsleiter*innen kommen öfters mit neuen Ideen auf mich zu und ich entwickle mit ihnen neue Kurse und kläre Fragen wie:Wie können wir den Kurs finanzieren? Welche Räumlichkeiten haben wir? Wie bewerben wir das Ganze? Usw. Außerdem war ich stark eingebunden bei der Erstellung von Hygienekonzepten, damit der Spielbetrieb aufrechterhalten werden konnte.

Wie sieht dein Wochenpensum denn momentan aus? 

Ich arbeite viermal die Woche vormittags und einen Nachmittag an dem dann auch die Geschäftsstelle geöffnet ist. 

Ein Pensum, dass du auch ehrenamtlich machen könntest? 

Nein, das hätte ich in dem Zeitaufwand nicht machen könnte. Ich arbeite 18 Stunden in der Geschäftsstelle. Das wäre aber auch finanziell nicht gegangen, da wir eine fünfköpfige Familie sind. Bei uns wird die Geschäftsstelle deswegen aber auch schon seit etlichen Jahren hauptamtlich besetzt. 

Trotzdem arbeitest du zusätzlichnoch ehrenamtlich im Verein. Wie viel Stunden müsstest du hauptamtlich arbeiten, damit all deine Tätigkeiten abgedeckt sind? 

Ich sehe das ein bisschen differenziert. Ich mache viele ehrenamtlichen Aufgaben tatsächlich gerne ehrenamtlich wie meine Übungsleitertätigkeit oder als beratendes Mitglied in der Jugendleitung. Viele der Aufgabe müsste ich auch nicht machen, aber ich mache sie gerne wie den Auf- und Abbau bei Veranstaltungen. Es gehört nicht in die Aufgabenbeschreibung einer Geschäftsstellenleitung und die anderen werden dafür ja auch nicht bezahlt. Das wäre dann nicht fair und deswegen trenne ich das. 

Es gibt oft die Angst, dass das Ehrenamt durch das Hauptamt abgewertet wird. Wie ist hier dein Gefühl? 

Ich hatte noch nie das Gefühl, dass das Ehrenamt mir gegenüber kritisch eingestellt ist. Gerade der Vorstand gibt mir immer sehr gutes Feedback und ist dankbar für die Vorarbeit, die ich leiste. Wir haben rund 1700 Mitglieder und da ist den meisten bewusst, dass der Verwaltungsaufwand ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen ist. Zudem habe ich den Vorteil, dass ich selbst ein Vereinskind bin und sehr viele der Mitglieder kenne. Das macht meine Aufgabe viel einfacher, als wenn ich von außen gekommen wäre. 

Wie wird deine Stelle finanziert? 

Vor allem über Mitgliedbeiträge. Der Einzelbeitrag für Erwachsene liegt momentan bei 115€, nachdem wir ihn letztes Jahr von 99€ erhöht haben. Der für Jugendliche liegt bei 70€. Zudem haben wir einen Familienbeitrag, der bei 195€ liegt. Manche Abteilungen wie Fußball haben zudem noch einen Abteilungsbeitrag, der nochmal bei rund 40€ liegt. Damit haben wir ähnliche Beiträge wie die Nachbarvereine. 

Was sind deiner Erfahrung nach die größten Probleme für Vereine? 

Auf der einen Seite nimmt die Qualität in den Vereinen immer weiter zu bzw. soll es zumindest. Das ist das Bestreben von uns als Verein aber auch der Wunsch vieler Mitglieder. Früher war es ganz normal, dass ein Elternteil in die Halle gestellt wurde und das Training übernommen hat. Heute geht der Trend ganz klar in Richtung qualifizierte Übungsleiter*innen. Dadurch wird es auf der anderen Seite immer schwieriger, Leute dafür zu gewinnen, ehrenamtlich ein großes Pensum abzuspulen. So eine Lizenz kostet viel Zeit und Geld. Für uns als Verein bedeutet das, die Balance zu finden, da unsere finanziellen Ressourcen begrenzt sind. Nicht jede*r Übungsleiter*in hat heute auch noch die Vereinsbindung wie damals, was es nochmal wichtiger macht, andere Anreize zu schaffen. 

Wie schafft es der TSV Berkheim trotzdem,zukunftsfähig aufgestellt zu sein? 

Wir profitieren enorm von der Qualität unseres Vorstands. Alle zwei bis drei Jahre setzt er sich gemeinsam mit mir und dem württembergischen Sportbund zusammen und macht für 1 ½ Tage eine Zukunftswerkstatt. Dort setzen wir uns mit Fragen auseinander wie: Wo möchten wir hin? Was sind Möglichkeiten und Herausforderungen? Wo müssen wir uns besser aufstellen? Hier werden dann Maßnahmen entwickelt, die wir dann Umsetzen. 

Was für Maßnahmen sind das zum Beispiel? 

Eine Maßnahme ist die Vernetzung zwischen den Abteilungen, weil gefühlt jede Abteilung ihr eigenes Ding machte, anstatt als Gesamtverein zu agieren. Dabei gibt es viele Synergieeffekte. Zum Beispiel profitieren auch Fußballer*innen und Handballer*innen von ein paar Aspekten aus dem Turnen und so weiter. Auch ein Werteleitbild sind wir am Erstellen oder überlegen, wie wir das Sportabzeichen wiederbeleben können. Besonders in der Jugendarbeit können wir von einer Abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit profitieren, aber auch das braucht Zeit und Engagement. 

Vielen Dank für das Interview! 


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