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Vom Traum, das Ehrenamt zum Beruf zu machen

Lisa Steffny | 11. November 2020

Mehr als zehn Jahre engagierte sich Michael ehrenamtlich in seinem Verein – mit allen Vor- und Nachteilen.

Interview Vereinsberater Michael Groß

Mehr als zehn Jahre engagierte sich Michael ehrenamtlich in seinem Verein. Dabei musste er jedoch mehr als nur einmal feststellen, dass er nicht nur an seine zeitlichen Grenzen kam. Warum eine hauptamtliche Tätigkeit in einem Sportverein ein Traum für ihn wäre, dass erzählt er im Interview mit Klubtalent.

Michael Groß steht im Trainingsanzug auf einem Fußballplatz

Hallo Michael, schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Stell dich den Leser*innen doch bitte einmal kurz vor.

Mein Name ist Michael Groß und ich bin 27 Jahre alt. Zur Zeit studiere ich an der Universität Duisburg-Essen evangelische Theologie und Sozialwissenschaften auf Lehramt.

Seit meinem 14. Lebensjahr engagiere ich mich ehrenamtlich im Kinder- und Jugendfußball – sowohl als Trainer, als auch auf Vorstandsebene. So wurde ich im vergangenen Jahr vom DFB für dieses Engagement im Rahmen der Aktion „junges Ehrenamt“ als Fußballheld ausgezeichnet und für eine Woche nach Spanien zur Fußballheldenbildungsreise eingeladen.

Auf Vorstandsebene durfte ich schon zahlreiche Funktionen bekleiden. So hatte ich bereits das Amt des Geschäftsführers, Jugendleiters und des Jugendgeschäftsführers inne.

Nach dem ich im Jahr 2009 und 2012 meine Trainerlizenzen erfolgreich absolviert habe, bin ich seit Januar 2020 auch im Besitz der DFB Vereinsmanager C-Lizenz mit dem Profil „Gesamtverein“. Neben dem Studium und meiner Liebe zum Fußball bleibt wenig Zeit für andere Hobbys.

Für welchen Verein warst du tätig? Welche Funktionen hattest du inne?

Mein ehemaliger Verein ist die DSC Wanne-Eickel Fußballabteilung e.V. aus dem Kreis Herne. Seine erste Herrenmannschaft ist in der 6.Liga, sprich der Verbandsliga, beheimatet. Zur Zeit bietet er drei Senioren- sowie zwölf Jugendmannschaften eine Plattform, sich im Ligabetrieb auf Kreis- und Verbandseben zu messen.

Neben meiner Trainertätigkeit, wo ich die Jahrgänge 1999 bis 2003 in den verschiedensten Altersklassen und Ligen betreuen durfte, hatte ich dort auch verschiedene Vorstandsfunktionen inne. Wie bereits geschildert durfte ich als Geschäftsführer, Jugendleiter und auch als Jugendgeschäftsführer den Fußballverein verwalten und mitgestalten. 

Insbesondere war ich als Geschäftsführer und auch als Jugendleiter für den Bereich Finanzen und Passwesen + Mitgliederverwaltung zuständig. Dazu gehörten die Buchhaltung der Barkasse und die Kontoführung. Der Bereich Mitgliederverwaltung und Passwesen war natürlich der umfangreichste Bereich. Hier musste ich die Daten der Mitglieder verwalten und pflegen, sowie die Spieler an- und auch entsprechend abmelden. Aber auf diesem Gebiet fühlte ich mich sehr schnell sehr wohl und konnte mir dadurch auch schnell Fachwissen in diesen Bereichen aneignen.

Insgesamt war ich über zehn Jahre dort tätig. 2009 bin ich dort heimisch geworden. Zuvor arbeitete ich als Jugendtrainer bei meinem Heimatverein, dem VFB Günnigfeld 11/26 e.V. in Bochum-Wattenscheid.

Über zehn Jahre ist eine lange Zeit. Wieso hast du dich überhaupt dazu entschieden, ehrenamtlich im Sport zu arbeiten?

Geprägt durch mein Elternhaus, insbesondere durch meine Mutter, lernte ich die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen kennen und vor allem zu schätzen. Daher reifte bereits sehr früh der Wunsch in mir, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und die Kinder- und Jugendlichen zu unterstützen. Und da ich bereits sehr früh Fußballfan und Vereinsmitglied war, stand der Wunsch mich auf dieser Ebene zu engagieren schnell fest.

Welche Vorteile bringt die Arbeit als Ehrenamtlicher denn mit sich – sowohl für dich persönlich als auch den Verein?

Man erhält sehr schnell einen guten und vor allem freundschaftlichen Zugang zu einer großen Maße von Menschen. Daher kann man sehr schnell, sehr gute Kontakte knüpfen. Diese lassen sich sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich sehr gut kombinieren. Des weiteren ist das ehrenamtliche Engagement bei der Jobsuche ein enormer Vorteil und sofort ein Gesprächsaufhänger. Und außerdem gibt es nicht schöneres als Gesellschaft etwas zurückzugeben und mit Gleichgesinnten eine tolle gemeinsame Zeit zu verbringen. Für die Vereine sind die Ehrenamtler der Motor oder das Benzin. Ohne „uns“ funktioniert wirklich gar nichts. Viele Vereine haben aufgrund von begrenzter Mitgliederkapazitäten oder finanziellen Mitteln gar nicht die Möglichkeit auf Hauptamtliche zurückzugreifen. Daher bringt das Ehrenamt eine große Verantwortung mit sich, aber bringt einem auch so unglaublich viel und ist für die Vereine sehr wichtig.

Und wie viele Stunden monatlich hat deine ehrenamtliche Arbeit in Anspruch genommen?

Die Zeit, welche mir zur Verfügung stand, hat dafür eigentlich gar nicht gereicht. Auf diese Situation trifft man sehr oft bei einem ehrenamtlichen Engagement. So habe ich neben meinem Studium durchschnittlich gut und gerne bis zu 5 Stunden täglich mit meinem Ehrenamt verbracht. Aber es war gerne auch mal das doppelte und am Ende des Tages ist die Stundenzahl des Einsatzes kaum zu beziffern.

Hattet ihr keine Hauptamtlichen im Verein, die dich dort etwas entlasten konnten?

Als Amateurverein hatten wir keine hauptamtlichen Angestellten. Alle Mitstreiter im Vorstand haben ihre Funktionen ehrenamtlich ausgeübt. Die Aufteilung war sehr klassisch gehalten und an den Aufgabenfeldern des Vorsitzenden, Jugendleiters, Geschäftsführers und des Kassierers orientiert. So war der Vorsitzende bzw. Jugendleiter für die Führung des Vorstandsteams, der rechtlichen Vertretung des Vereins sowie für alle repräsentativen Aufgaben zuständig. Der Geschäftsführer hat die Mitgliederverwaltung und das Passwesen übernommen und der Kassiere war für die Buchhaltung in Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer zuständig. Wir haben aber nur sportliche Leiter und einen Vertreter für den Bereich Marketing und Werbung in unser Gremium berufen. Die sportliche Leitung hat sich um den sportlichen Bereich gekümmert. Sprich Spieler, Trainer und Gestaltung des Trainings und der Spieltage und unser Marketingleiter war für das Sponsoring und unsere Internetauftritt sowie für Social Media zuständig.

Gelang es euch trotzdem größere Ziele und Projekte umzusetzen?

Wir konnten durch die Verpflichtung von qualifizierten Übungsleitern die Trainingsqualität deutlich nach oben schrauben, sodass uns in den vergangenen Jahren einige Aufstiege in die nächst höheren Spielklassen gelungen sind. Das war für mich ein großer Erfolg und hat unserem Verein ein gutes Image verschafft. Auch Unternehmen und damit potenziellen Sponsoren wurden auf uns aufmerksamer. Gerne hätte ich diese sportliche Professionalisierung vorangetrieben und weitere Experten für die verschiedenen Fachbereiche verpflichtet. Sprich beispielsweise Athletiktrainer, Physiotherapeuten und auch eine Installation eines Fahrdienstes. Dieses ist aber an den finanziellen Mitteln gescheitert. Um einen solchen Fortschritt zu gestalten und in die Wege zu leiten, wären auch die Aufgaben auf Vorstandsebene mitgewachsen. Hier wäre es auch kaum möglich gewesen, dies noch im Ehrenamt zu bewältigen. Im Zuge dessen wäre eine hauptamtliche Kraft sicherlich eine enorme Bereicherung gewesen.

Du erwähntest bereits, wie viel Zeit und Energie du in deine Tätigkeit investiert hast. Trotzdem hast du nun bei deinem Verein aufgehört. Wie kam es dazu?

Leider hat die fehlende Wertschätzung meiner Arbeit dazu geführt, dass ich mich im Januar diesen Jahr nicht mehr zu Wiederwahl gestellt habe. Menschen, mit welchen ich jahrelang vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, begegneten mir nicht mehr mit dem nötigen Respekt. Eine weitere Zusammenarbeit war nicht mehr möglich und durch die Veränderung der Verhaltensweisen auch deutlich spürbar. Doch die vielen schönen Momente des Ehrenamts und insbesondere die Erfolge, die man feiern konnte, überwiegen. Daher bin ich zuversichtlich mich bald wieder engagieren zu können und zu wollen.

Gab es noch weitere Herausforderungen als Ehrenamtlicher?

Rückblickend betrachtet kann ich sagen, dass die Verantwortung eine große Herausforderung war. Trotz einer ehrenamtlichen Tätigkeit, war meine Funktion mit einer großen Verantwortung verbunden. Es gab Situationen, da hat man sich selbst unter Druck gesetzt und hat auch deutlich den Stress gemerkt, wenn eine wichtige Entscheidung getroffen werden musste.

Was hättest du dir für deine Tätigkeit gewünscht?

Wie ich in der vorangegangenen Frage bereits erläutert habe, ist die ehrenamtliche Tätigkeit auch immer mit einer gewissen Verantwortung befunden. Deshalb sage ich ganz klar, dass die Ehrenamtlichen davon profitieren können, da sie entlastet werden. Durch die Schaffung einer hauptamtlichen Stellen, lassen sich die Aufgabenfelder wieder ein Stück mehr und vor allem effektiver verteilen und so nimmt man auch Stresssituationen von den Ehrenamtlern. Denn es gibt Aufgaben, welche dringend erledigt werden müssen aber nicht können, da der eigene Beruf zeitlich immer vorgeht. Hier könnte ein Hauptamtlicher definitiv Abhilfe schaffen.

Könntest du dir denn selbst vorstellen, hauptamtlich in einem Verein zu arbeiten?

Definitiv! Wer träumt denn nicht davon, sein Hobby zum Beruf zu machen? Ich habe die Arbeit im Ehrenamt bereits kennengelernt und kann mir schon ganz genau vorstellen, wie viel zusätzliche Energie und Zeit ich aufgrund der Hauptamtlichkeit noch zur Verfügung hätte, um entsprechend neue Projekte anzustoßen. Ich könnte auch noch effektiver arbeiten, da kein Spannungsfeld zwischen dem Beruf und dem Verein bzw. den zu erledigenden Aufgaben mehr besteht.

Du würdest dir also wünschen, dass mehr Vereine auf das Hauptamt setzen?

Wie bereits erwähnt, bin ich ein großer Freund von hauptamtlichen Stellen. So lässt sich die Arbeit besser und vor allem effektiver erledigen und aufteilen. Das größte Problem bleibt dennoch die Finanzierung. Viele nicht lizenzierte Vereine habe nicht die entsprechenden Mittel hauptamtliche Stellen zu schaffen bzw. auszuschreiben. Die Mitgliedsbeiträge, Sponsoreneinnahmen bzw. eigenständig generierte Einnahmen reichen oftmals nur zum Überleben. Große Extras, außerhalb eines strukturierten Vereinslebens, sind da nicht möglich.

Also verzichten die meisten Vereine aufgrund mangelnder finanzieller Mittel auf Hauptamtliche? 

Da muss man ganz ehrlich sein: Ja, meistens sind es die fehlenden finanziellen Mittel. Des Weiteren ist die Schaffung und Pflege einer hauptamtlichen Stelle auch mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden. Vielleicht fehlt auch ein wenig der Mut, diesen Schritt zu gehen, da es im organisierten Sport noch keine Gewohnheit ist.

Du bist auch als Vereinsberater tätig. Was sind denn da die häufigsten / größten Probleme, mit denen Vereine auf dich zukommen?

Die Gewinnung von Mitarbeitern. Insbesondere von Ehrenamtlichen. Viele Vereine berichten, dass es kaum Nachwuchs gebe. Dennoch gibt es wissenschaftliche Studien, welche eine gegenläufige Prognose zeigen. Ehrenamtler sind im organisierten Vereinssport der Motor. Ohne sie, geht kaum etwas. Und daher ist es besorgniserregend, wenn die Vereine keine Mitstreiter in diesem Bereich finden. Um so wichtiger ist es daher, bereits vorhandene Ehrenamtler, an den Verein zu binden. Hier gibt es die unterschiedlichen Möglichkeiten. Aber ein einfaches „Danke“ kostet nicht viel und bedeutet den Ehrenamtlern sehr viel.

Was würdest du den Vereinen für die Zukunft raten?

Ich glaube, dass die Vereine sich öffnen sollten. Insbesondere Einsparten-Vereine sollten sich öffnen und ein breites Angebot für ihre Mitglieder schaffen. Ich denke nämlich, dass die Vereine immer einen Mehrwert bieten müssen. So könnte man auch einen Mitgliederschwund entgegenwirken. Wenn mein Vereinsmitglied keinen Spaß mehr am Fußball hat, kann ich ihn vielleicht durch ein zusätzliches Angebot trotzdem im Verein halten. Die heutige Gesellschaft ist sowieso sehr schnelllebig geworden. Deshalb sind starren und strenge Mitgliederregularien nicht sehr hilfreich. Auch hier sollte über ein Kursangebot und damit über flexible Mitgliedsbeiträge nachgedacht werden. So kann man neue Mitglieder für den Verein gewinnen. Des Weiteren sollte man sich Gedanken über seinen Mitgliedsbeitrag machen. Ist dieser noch angemessen? Was nehmen andere Sportarten bzw. Vereine in meiner Umgebung für Mitgliedsbeiträge. Wenn wir einen Fußballverein und einen Golfclub vergleichen, wird uns sehr schnell klar, dass ein Golfclub einen viel höheren Beitrag fordert. Dies soll nicht heißen, dass der Mitgliedsbeitrag dem eines Golfclubs angepasst werden soll, aber eine Erhöhung lässt dem Verein mehr Mittel zur Verfügung stehen. Und durch qualifizierte Trainerinnen und Trainer, kann ich natürlich auch neue Mitglieder gewinnen. Durch das Einnahme plus kann ich dann als Verein auch die Qualifizierungskosten meiner Mitarbeiter vollständig übernehmen. Daher sind die 5 oder 6 Euro im Monat wahrscheinlich nicht mehr zeitgemäß und vor allem wirtschaftlich nicht ausreichend.

Danke für das Interview und die interessanten Einblicke!


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